Feature: Rosa Hirn

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Auf Rosa Hirns Website steht geschrieben, sie mache außergewöhnlichen Schmuck für Menschen, Bühne, Video, Foto und Installation. Zunächst sticht dabei das Wort „außergewöhnlich“ ins Auge. Nach einem tieferen Einblick in die Arbeit der Schmuckdesignerin, kann man ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass „außergewöhnlich“ eine Untertreibung ist. Für Rosas Fokus auf Ausdrucksstärke ihrer Stücke und die ungezwungene Mischung aus verschiedensten Materialien verdient Ihr Werk vielmehr die Bezeichnung „einzigartig“. Überzeugt euch selbst von der Einzigartigkeit ihres Schaffens durch die hier präsentierte Zusammenarbeit zwischen Rosa Hirn und unserem Foto-G Alexander Schuktuew. Im Gespräch gibt Rosa einen Einblick in ihre Arbeit und die Faszination, Schmuck herzustellen.

Dulp: HI Rosa, wie läuft es gerade mit deiner Arbeit? Du scheinst ja gerade mehrere Kollabos zu haben und generell bewegt sich was vorwärts, oder?
Rosa: Ja im Moment ist es super spannend. Natürlich die Sache hier mit Alex, bei der ich das erste Mal wirklich alles mitorganisiert habe, war da schon eine coole Erfahrung. Ich mache das auch noch nicht so lange, deshalb sammle ich im Moment wahnsinnig viele Erfahrungen, nicht nur mit meinem Schmuck selbst, sondern bei Fotoshoots, in denen ich mittlerweile schon einmal das Styling selbst gemacht habe. Es ist spannend, sich eine eigene Bildwelt auszudenken, die dann durch den Fotografen realisiert wird. Die Erfahrungen sind für mich extrem wichtig, gerade um mein Selbstvertrauen in Bereichen zu stärken, an die ich früher gar nicht dachte, sei es das Styling oder die Organisation von einem Shoot.

Dulp: Was ist die Faszination bei der Zusammenarbeit mit Modelabels und Fotografen?
Rosa: Ganz klar die Zufälle, durch die man an die Leute rankommt. Gerade durch Instagram ist die Szene sehr geprägt und ich kann manchmal kaum fassen, welche Leute, deren Sachen ich unglaublich toll finde, mir dann schreiben und sagen „hey, lass doch mal was zusammen machen“. Das inspiriert mich besonders.

Dulp: Du hast nebenbei einen Teilzeitjob als Schulbegleitung. Kannst du dir vorstellen, dich Vollzeit auf den Schmuck zu konzentrieren?
Rosa: Weiss ich nicht. Ich weiss nicht mal, ob ich das anstreben möchte. Wenn es sich entwickeln würde, dass so viel Nachfrage entsteht und ich davon leben könnte, und es weiterhin Spaß macht, sage ich natürlich nicht nein, aber ich halte es im Moment für eher unrealistisch, dass sich das in den nächsten paar Jahren so entwickelt. Im Moment ist es so: Für Shootings, Theater, Musikvideos etc. erhalte ich für meinen Schmuck im Moment kein Geld. Die Bezahlung ist die Anerkennung meiner Arbeit und für mich der Gewinn von Aufmerksamkeit und Reichweite. Mir geht es vorrangig darum, mich zu entwickeln und neue Sachen auszuprobieren, wie zum Beispiel Kostüm für Film und Theater.

Dulp: Du bist seit einem Jahr in Berlin. Was hat sich durch den Umzug in die Großstadt für dich und deine Arbeit verändert?
Rosa: Natürlich hat sich dadurch einiges getan, allein was Kollaborationen angeht. Man kommt hier viel schneller mit neuen Leuten zusammen und die Hilfsbereitschaft ist enorm, da viele Leute kreativ tätig sind und ihre eigenen kleinen Sachen am Start haben. Dadurch ist einfach ein Bewusstsein über andere Künstler und natürlich auch deren Startprobleme gegeben, und man greift sich schnell und unkompliziert unter die Arme.

Dulp: Inspiriert dich die Stadt künstlerisch?
Rosa: Inspiration ist für mich einfach ein seltsamer Begriff. Ich werde oft gefragt was mich denn inspiriert, und ich muss ehrlich sagen, ich habe keine Ahnung. Was ich weiß, ist, dass ich Materialien liebe und gerne rumwühle, um passende Teile zu finden für Themen, die mich in dem Moment interessieren. Ich weiß nicht, ob du das kennst: Manchmal hat man an einem Thema einen Narren gefressen und denkt sich: „oh nein, ich kann doch jetzt nicht schon wieder das machen“. Mir geht es so mit Kopfschmuck. Schon im Studium war ich absolut verliebt in Kopfschmuck und musste das irgendwann ein bisschen abstellen, weil man den einfach nicht verkaufen kann. Kürzlich habe ich mir dann aber gedacht, ich scheiss drauf, ich finds geil, ich mach wieder Kopfschmuck. Das besondere daran ist die Ausdrucksstärke. Ich mag Sachen, die etwas mit dem Körper und dem Ausdruck der Person machen. Das hat schon fast etwas rituelles, religiöses.

Dulp: Wenn man sich deine Arbeiten ansieht, kann man das definitiv erkennen! Und gerade weil dein Schmuck so experimentell ist und oft aus vielen Komponenten besteht – wie merkst du, dass ein Teil fertig ist? Du berschreibst deine Arbeitsweise ja eher als impulsiv und frei.
Rosa: Manchmal Faulheit, wenn ich keinen Bock mehr habe. (lacht) Was technische Lösungen angeht, bin ich zum Beispiel nicht unbedingt perfektionistisch, was mir manchmal teuer zu stehen kommt. Die wichtigste Rolle spielt aber wohl die Erfahrung. Ich habe bereits viel gelernt und letztendlich entwickelt man nach und nach ein Gefühl für solche Sachen. Ich habe nie ein fixes Bild im Kopf, wie ein Teil aussehen muss. Ich würde sagen, ausschlaggebend ist mein Gefühl und der Ausdruck, den ich mir wünsche. Ein gutes Beispiel dafür ist das Kopfteil, das Alex auch fotografiert hat. Letztendlich waren das Schaschlikspieße, die ich zusammengeklebt habe, weil mir das Gerüst und die Struktur gefallen haben. Finalisieren wollte ich das Ganze mit einem Stück Stoff, welches ich darüber gelegt habe, nur um dann zu merken: „Das wars jetzt noch nicht. Da fehlt was.“ Ich wollte nicht, dass die Stäbe noch nach Holz aussehen, also habe ich das ganze Teil angestrichen, und wusste ab dem ersten Strich, dass das nichts mehr wird. Also habe ich das ganze Ding in die Dusche gestellt und habe gehofft, dass es nicht auseinander fällt und die Farbe abgeht. Letztendlich habe ich das tropfende Gerüst zum trocknen auf den Balkon gebracht und habe festgestellt, dass die Tropfen und das Funkeln durch die Lichtreflexion genau das war, was mir gefehlt hat. Also habe ich alles trocknen lassen und wiederum mit Gießharz Tropfen über das gesamte Stück verteilt. Und das wars. Ich glaube in so einem Moment ist das für mich, als würde ich ein Fass schließen. Klar könnte ich jetzt, wenn ich das Teil sehe, wieder unzufrieden sein und mir Gedanken zur Verbesserung machen, aber für mich ist das abgehakt. Ich beende eine Sache, und so bleibt sie, weil Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt perfekt ist.

Dulp: Als abschliessende Frage: Was bedeutet Schmuck für dich?
Rosa: Was ich oft versuche zu erklären, wenn Leute sagen „Schmuck ist ja das Erste, was man vom Planeten löschen könnte, weil das niemand wirklich braucht“, ist, dass Schmuck eines der einzigen Objekte ist, das keinen Sinn haben muss. Mit Kunst kann man auch keine Dose öffnen, und Schmuck steht in der Schnittstelle von freier und angewandter Kunst. Bezogen auf die angewandte Kunst ist Schmuck dann wiederum das Einzige, was reine Emotion und reinen Ausdruck transportiert, weil man es eben eigentlich nicht braucht. Dann zu überlegen, woher kommt Ausdruck? In meiner Bachelorarbeit habe ich dazu fünf verschiedene Stücke angefertigt. Eines davon war zum Beispiel ein riesen Schmuckstück aus PVC, das ausgesehen hat wie ein ekliger, hingerotzter Farbfleck. Das sollte die Idee unterstützen, dass man sich als Schmuckkünstler ausdrücken kann, und dadurch die Attraktion für die eigene Arbeit erzeugt. Auch das Thema Ekel spielt dabei eine Rolle, denn Ekel kann auch sehr anziehend sein, selbst wenn man innerlich davon laufen will. Um die andere Seite zu zeigen habe ich in dieser Abschlusskollektion aber auch einen simplen Goldring angefertigt, der für Materialwert und Symbolismus steht, so dass man als Träger allein über die Bedeutung des Schmucks entscheidet. Dieses Zusammenspiel hat es mir persönlich so angetan.

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Text/Interview: Matthias Ehrhardt
Fotos: Alexander Schuktuew

Models: Kat Voltage & Maria Meßner

Haare/Make-up: Maria Meßner

26, geb.: Karaganda/Kazakstan // Studium: 2012-2018 Fotojournalismus & Dokumentarfotografie in Hannover // Assistenz Oliver Mark 2016/17 // schuktuew.com // студиo23 // Band: ZIEL // Basis: Ingolstadt