Gambia und das Tabu

in Kultur/Magazin/People von

Der Blick des Museumsmitarbeiters ist fest auf ein Tor zum offenen Meer gerichtet. Es ist nicht nur irgendein Durchgang, sondern das Gate of Men in Fort Bullen, Gambia. Das Fort wurde 1826 von den britischen Kolonialherren errichtet, um den Sklavenhandel über den Fluß Gambia zu beenden. Sklaven, die von gestoppten Schiffen kamen, erhielten beim passieren des Eingangs zum Fort ihre Menschlichkeit wieder. Den Guide von Fort Bullen erfüllt das heute noch mit Stolz. Dabei ist die Geschichte der Sklaverei in Gambia ein langes, dunkles Kapitel der winzigen Nation, inmitten des Senegal. Entlang des Flußes ziehen sich alte Festungen, in denen Westafrikaner zusammengerottet und nach Europa und in die USA versklavt wurden. Orte wie Juffure dienen heute als Mahnmale und Orte großer Geschichten, wie das Leben Kunta Kintes aus dem Roman „Roots“ von Alex Haley, um welches über die letzten 50 Jahre diverse Mythen gesponnen wurden.

Sobald man sich mit Sklaverei in Westafrika auseinandersetzt, ereilt einen die Erkenntnis, dass dabei stark differenziert werden muss. Zum Einen gibt es die eben genannte Aufarbeitung der Sklaverei zur Kolonialzeit, die, in Gambia, aufgrund britischer Bestimmungen 1806 verboten wurde. Ein tieferer Blick in die Materie zeigt jedoch, dass Sklaverei noch heute ein signifikantes Thema ist. Hassoum Ceesay, Archivar im National Center of Arts and Culture (NCAC) of Gambia, spricht bei einem Treffen im Archiv in Bakau von zwei Formen der Sklaverei, die weiterhin bestehen, wenn auch mit sehr verschiedenen Hintergründen.

Die erste Variante, eine kulturell bedingte, ergibt sich aus den Kastensystemen verschiedener westafrikanischer Völker. Den Hauptteil der gambischen Bevölkerung stellen mit ca. 40% die Mandinka, gefolgt von Wolof mit knapp 19% und Jola mit 15%. Was alle Stämme verbindet sind soziale Kasten. Die Ausformungen sind verschieden, doch in jeder der Kulturen gibt es die Schlusslichter der gesellschaftlichen Ordnung. Die Mandinka nennen diese Sklavenkaste „Jongo“. Meist wurden deren Mitglieder für schwere körperliche Arbeiten auf den Feldern der Bauern, oder als Diener eingesetzt. Zu beachten gilt: Aktuell existiert soziale Mobilität, die es selbst Angehörigen der untersten Kasten erlaubt respektierte Berufe zu ergreifen. Ceesay erklärt das in simplen Worten: „Es ist zwar fast egal aus welcher Schicht man stammt, aber die Kultur muss beachtet werden. So kann auch ein Jongo Minister werden, aber man wird sehen, dass er z.B. bei Konferenzen den anderen Teilnehmern den Tee eingießt, aus Respekt vor seiner Herkunft.“

Im Gegensatz dazu kennen Sklaven der zweiten Variante, die Haratin aus Mauretanien, keine soziale Mobilität. Hierbei handelt es sich um echte Sklaverei: Menschen werden als Eigentum anderer Menschen behandelt, in einigen Fällen unter Androhung oder Anwendung von Gewalt. Die Haratin sind Afromauretanier, jedoch gestaltet sich die Identifikation der Herkunft schwierig, denn die Haratin setzen sich zusammen aus einer Mixtur von Volksgruppen, deren Mitglieder schon vor Generationen versklavt wurden. Die Sklavenhalter, meist weiße Mauren, lassen die Haratin auf den Feldern arbeiten, putzen, Schafe hüten, Wasser und Baumaterialien schleppen, eben alle schweren Arbeiten, die anfallen. Geschichten von Zwangshochzeiten und verkauften Sklavenkindern säumten auch in Gambia bis Anfang der 90er Jahre die Zeitungen. Viele Haratin sind bei Fluchtversuchen durch Ihre Eigentümer getötet worden.

Der mauretanische Staat hat bereits mehrere Versuche unternommen, die Situation in den Griff zu bekommen und bot im Gesetz gegen Sklaverei 1981 sogar an, dass Sklavenhalter eine Entschädigung bekämen, würden Sie ihre Sklaven freilassen. 2007 trat das aktuellste Gesetz in Kraft, welches zum ersten Mal Sklaverei unter Strafe stellt. Ein Indikator zum Erfolg dieser Maßnahme ist jedoch, dass bis zum Jahre 2016 nur zwei Verfahren wegen Sklaverei eröffnet wurden.
Quelle: https://www.gfbv.de/de/news/menschenrechtsreport-79-sklaverei-mauretanien-7922/

Erschwerend kommt hinzu, dass es keine gesicherten Informationen über in Sklaverei lebende Menschen in Mauretanien gibt. Die Schätzungen von NGOs gehen von 3-20% der Bevölkerung aus, während der Sklaverei-Experte Kevin Bales von bis zu 40% spricht. Diese Abweichungen ergeben sich aus der Leugnung des mauretanischen Staats über die fortbestehende Existenz von Sklaverei im Land.

Gambia ist eines der nahegelegenen Fluchtländer für geflohene Sklaven. Doch auch dort erwartet die Meisten nicht die erhoffte Freiheit, sondern ein Leben in Armut und Arbeitslosigkeit, da Sklaverei auch unter der gambischen Bevölkerung Tabu ist.
Hassoum Ceesay belegt, dass bis 1993 zumindest Versuche unternommen wurden, das Thema anzusprechen, z.B. durch den Reporter Ebrima C. von der gambischen Zeitung Daily Observer. Die Informationen stützen sich auf Berichte geflohener Haratin, die Mauretanien einen schrecklichen Umgang mit Menschenrechten zuschrieben. Zwischen 1994 und 2016 gab es im Land de Facto keine Aufarbeitung der Thematik, sowohl bezüglich Mauretanien, aber auch in Gambia selbst. Der Diktator Yahya Jammeh erstickte jeglichen Diskurs im Keim und ließ politische Gegner verschwinden. Übrig geblieben ist das Tabu über die Umstände zu sprechen.

Gambier halten sich bedeckt aufgrund der Traumatisierung durch politische Verfolgung und der Angst, sie könnten das Image Gambias im Hinblick auf den Tourismus beschädigen. Die im Land lebenden Haratin sprechen nur vage über ihre Vergangenheit, zum Selbstschutz und um ihre Identität in Gambia zu verdecken, da sie weitere Diskriminierung erwartet, sollten sie als ehemalige Sklaven erkannt werden. Zudem, so erwähnt Ceesay, existieren auch in Gambia in Sklaverei lebende Haratin. Sie verrichten die körperlich anstrengenden Arbeiten in den meist maurischen Läden der Sklavenhalter und werden von der Außenwelt isoliert.

Gambia steht, wie Mauretanien vor großen Aufgaben. Eine Hoffnung ist das Kabinett des neuen Präsidenten Adama Barrow, der während seiner Wahlkampagne für Pressefreiheit, soziale Gerechtigkeit und eine unabhängige Justiz warb. In der Presse werden die Änderungen bereits angenommen. Fälle von Verschleppten Gegnern Jammehs werden nun, nach 20 Jahren Stillschweigen endlich wieder eröffnet und öffentlich diskutiert, was einen Anfang des Wandels bedeuten könnte.

Skateboarder, Schlitzohr, Content-Fleischwolf // Born and raised im dirrrrty South, aka. Ingolstadt, Bayern // Ü30, IQ deutlich darunter // Publizistik Studium in Wien 2012-2016 // Seit 2016 lokaler Biertrinker an den Neuköllner Spätis