Interview: Holzkrawatte

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Am Rande des Taktraumfestivals in Ingolstadt habe ich mich mit einem der wohl talentiertesten, jungen Producer der Automobilstadt im Herzen Bayerns getroffen. Holzkrawatte ist Teil des Producer-Duos Krawanesia, die am 22.9.2017 ihr neues Album „Campur“ auf den Markt gebracht haben.



Dulp: Hi Dustin, wie war das Taktraumfestival bisher?
Holzkrawatte: Yo was geht! Naja ich hab mir bei der Playtime nicht so viel erwartet, so war es letztendlich auch. Die Leute haben gechillt, ich hab einfach smoothes Zeug gespielt und es hat gepasst! Ich bin da oben dann selbst sehr ruhig geworden, weil ich mir schon dachte, dass nicht so viel geht. Ich anfangs so ein bisschen Soul gespielt, 70 bpm, hat mir dann selber auch getaugt wegen dem geilen Wetter, sunshine, gute Atmosphäre und das hat einfach perfekt gepasst.

D: Letztes Jahr war ja Krawanesia zusammen am Start, aber dieses Jahr nur du, wollten die Jungs nur dich booken?
H: Am Anfang stand das wohl zur Debatte, dass wir zusammen spielen, aber sind dann relativ spät erst definitiv gefragt worden, und ich war nich abgeneigt, aber Samu war etwas skeptisch, weil wir keine Lifeshow geplant hatten bis dahin. Wenn wir dann live spielen, wollen wir einfach das Maximum aus uns rausholen, und es war auch noch gar nicht sicher ob die Platte rauskommt, deswegen haben wir da auch gezögert, deshalb hat sich das nicht so ergeben.

D: Warum war es nicht sicher, ob die Platte rauskommt?
H: Naja, wir haben uns ziemlich viel Zeit gelassen mit Allem, was man aber auch muss, finde ich. Wir dachten uns dann, wenn es rechtzeitig rauskommt, wäre das Taktraumfestival ein cooler Spot um es vielen Leuten zu zeigen, weil klar, jeder hier ist am Start, alle sind im Partymodus und haben Kohle stecken, und wenn man dann live auftritt kann man das alles cool verpacken.

D: Auf jeden. Also hätte es sich nicht wirklich gelohnt jetzt zusammen zu spielen, weil es noch nicht draussen ist?
H: Einmal das, ja, aber der Hauptgrund ist, wir wollten erstmal in uns gehen, bevor das Ding wirklich draußen ist und das ganze Live-Ding kommt. Wir wollten nichts Halbes abliefern. Beim Heimlich Live haben wir spontan gespielt, weil wir uns dachten: „cool, können wir wieder mal ausprobieren“. Da haben wir in ein paar Wochen was zusammengeschraubt und das war cool, aber in so einem großen Rahmen wie dem Taktraumfestival wollten wir vorerst nicht spielen, weil wir die Sache mit dem Album zuerst über die Bühne bringen wollten.

D: Wie ist das generell zustande gekommen mit Krawanesia?
H: Ich kenne Samu vom Skaten, wobei wir uns früher eher selten gesehen haben, weil der in Niederfeld gewohnt hat, also doch gut außerhalb Ingolstadts und deshalb nicht so oft im GVZ skaten war, wo wir immer abgehangen sind. Es war damals aber schon immer geil wenn wir uns getroffen haben. Danach hab ich ihn regelmäßig auf Bandworkshops getroffen, als ich noch Gitarre gespielt habe und er natürlich auch, aber bei einem anderen Lehrer. Dadurch sind wir näher zusammen gekommen und haben dann nacheinander gespielt mit den Bands. Er ist damals schon so krass abgegangen. Vor den Proben sind wir immer zusammen abgehangen. Daraus hat sich ergeben, dass wir mal abseits vom Skaten zusammen gekommen sind und haben mit 16-17 angefangen Sessions zu machen, mit Weißbier und Musik. Samu ist einfach mein bester Homie. Nach einer Weile hatte ich keinen Bock mehr auf Gitarre, habe nur noch Beats gemacht und irgendwann hab ich dann auch noch die MPC bekommen. Da hatte ich dann aber schnell das Problem, dass sich alles immer looped und man aus manchen Samples nicht mehr rausholen kann. Und weil wir immer zusammen abgehangen sind, hab ich ihn gefragt: „Ey man, hast du nicht einfach Bock mal was einzuspielen?“ Dann haben wir einfach mal einen Track gemacht und irgendwie fanden wir es geil, gerade Samu, weil er neben seinem Fokus auf Blues auch voll der Hip Hop Head ist. Danach haben wir beschlossen ein Album zu machen, um zusammen etwas zu kreieren, unser eigenes Ding. Aber wie man wohl schon merkt – es geht bei uns nicht in erster Linie um die Mucke, sondern um die Sessions und das Abgehänge.

Samu

D: Heisst das, Holzkrawatte und Krawanesia ist zeitgleich losgegangen?
H: Ja quasi. Wir sind damals immer zusammen abgehangen, aber haben nie eng kollaboriert. Unsere Sachen sind eher spontan aus Situationen heraus entstanden. Irgendwann haben wir uns dann gedacht, das ist jetzt ein Projekt, wobei wir uns damals schon einig waren, dass das nicht nur ein Projekt ist, sondern unser Lifestyle – Chillen, Sessions, Austausch über Musik und Weißbier.

D: Man merkt bei eurer Musik auf jeden Fall, dass Ihr viel zusammen abhängt, weil der Sound immer in Bewegung ist.
H: Ja Auf jeden Fall. Dadurch, dass wir so oft zusammen sind und spielen ergeben sich extrem viele Einflüsse, ob jetzt Blues, Soul oder Funk, wo ich selber auch eingestiegen bin mit Saxophon.

D: Gibt es musikalisch eine Richtung für das neue Album?
H: Der Name ist die Richtung. Campur bedeutet „gemischt“. Samu und ich waren im Urlaub in Indonesien und haben dort in den Local Küchen gegessen. Dort haben wir statt bestimmte Gerichte immer „Nasi Campur“ bestellt, also quasi gemischter Reis. Das geile dort war, jede Küche war unterschiedlich, deshalb hat man immer verschiedene Sachen mit reingemischt gekriegt, somit hattest du immer ein anderes Gericht. Und weil unser Sound auch stark variiert zwischen funky Geschichten, soulig, dann aber wieder völlig abgetrippt, oder Dub, haben wir das so einfach übernommen.

D: Habt ihr eine Tour geplant?
H: Ja tatsächlich hat uns Galv gefragt, ob wir bei seiner Tour mit ihm ein paar Stops mitmachen, was der Hammer wäre. Zum Einen bekommt man dadurch natürlich die Platte an den Mann, aber vor Allem ist es fett mit Galv unterwegs zu sein. Wie das dann letztendlich klappt steht aber noch in den Sternen. Galvs Platte kommt im Herbst raus und die Tour wäre dann wohl irgendwann im Frühjahr, aber da will ich mich auch gar nicht drauf versteifen. Entweder es passiert, oder eben nicht.

D: Ich bin beeindruckt wie zwangsfrei das alles klingt.
H: Ja weißt du, wenn man mit Stress an sowas rangeht, sind die Leute auch genervt und das ist ja nicht der Sinn der Sache. Ob wir auf Tour sind oder nicht, wir machen einfach unsere Mucke weiter.

D: Wer hat dich inspiriert Beats zu machen?
H: Tatsächlich glaube ich meine Eltern. Mein Dad hat früher im Auto immer Damian Marley gepumpt und meine Mum war Rap-Fan und hat alles von Deutschrap bis Cypress Hill gehört. Natürlich war die Fronte, das Ingolstädter Jugendzentrum, auch ein großer Einfluss. Ich habe früher gezeichnet und bin deshalb immer auf die Graffiti-Workshops gegangen. Dadurch habe ich die ganzen Leute kennengelernt, die dort DJ-Workshops gemacht haben, und so bin ich irgendwann auch dabei gelandet. Das Ding ist halt, ich bin nicht nur Hip Hop Fan und DJ, ich höre genau so viel Soul und Funk, oder auch Psychedelic Rock. An Hip Hop ist halt geil was man machen kann, wenn man einen Rapper dabei hat, oder sogar einen Gitarristen. Die Möglichkeit alles zu vermischen hat mich schon immer geflashed. Zu meinem Glück hatte mein Onkel früher zwei 12-10er im Keller, an denen ich üben konnte. Soviel zum Auflegen. Aufs Beat machen selbst hat mich Yasar gebracht. Der ist mal auf einer Party von einem Breaker Kumpel, auf der ich gespielt habe, zu mir gekommen und sagte, dass ich fett aufgelegt hab, obwohl ich glaube ich voll scheisse war, und hat gesagt wir sollen zusammen was starten. Dann haben wir uns zusammengesetzt und haben vom Loopschrauber aus Regensburg ein paar Beats bekommen, auf die er gerapped hat und ich gescratched, und irgendwann meinte Yasar: „Alter wir müssen selber Beats machen, hol dir ne MPC“. Kurz danach hat mir ein anderer B-Boy, Kasim, die dann für 350 € verkauft. Und so war mein Abschlussjahr der MPC bestimmt. Die Noten haben dementsprechend ausgesehen, aber macht nichts, weil ich mich geil reingeflashed habe. Nach einer Weile habe ich es aber auch vermisst ein Instrument zu spielen, und habe vor 2 Jahren eben noch mit Saxophon angefangen.

D: Was sind die nächsten Pläne?
H: Ich mach nach meiner Ausbildung in Berlin mein Abi. In Berlin mach ich das tatsächlich, um den Schwierigkeitsgrad möglichst moderat zu halten, weil wenn ich meine zwei Plattenspieler in meiner Bude angucke, habe ich halt auch keinen Bock Chemie zu lernen. Klar kann man jetzt sagen, ich will es mir einfach machen, aber dafür hänge ich mich eben in andere Sachen umso mehr rein.
Musikalisch habe ich gerade wenn es um Berlin geht nicht so den Plan, das wird sich hoffentlich ergeben. Ich habe einen ziemlich großen Respekt vor der Stadt, weil es ja doch krass überlaufen ist musikalisch. Irgendwann findet man aber immer Anschluss und wenn es länger dauert, habe ich damit auch keinen Stress. Ich habe hier die letzten zwei Jahre jedes Wochenende gespielt und man merkt irgendwann, dass man doch wieder den selben Slot spielt und auch in einer kleinen Stadt wie Ingolstadt muss man permanent anschieben, und da habe ich im Moment einfach nicht so den Bock drauf. Deshalb will ich jetzt erst mal eine Pause machen und nicht permanent auflegen, um mich wieder zu sammeln. Aber mal sehen, wie sich das alles ergibt. Ich will vor Allem was erleben und die Stadt ein bisschen aufsaugen. In Berlin geht so viel, sei es jetzt BeatGeeks oder von Brazlevic die EWS. Da steht man dann und denkt sich „fuck, das ist viel zu rough, das ist direkt in dein Gesicht“, und da habe ich Bock drauf. Das ist die Inspiration, die ich brauche. Genau das fehlt mir in Bayern, da hier die Uhren etwas langsamer ticken.

D: Zum Abschluss eine miese Aufgabe: Beschreibe euren Sound in drei Wörtern.
H: Fuck alter, fuck you!

D: Das waren vier.
H: Das ist ja auch eine scheiss Frage. Session, Crew, Musik.

D: Sorry für die letzte Frage! Danke Holzkrawatte, viel Erfolg mit dem neuen Album und lass es dir gut gehen.
H: Vielen Dank!

Campur Cover

Wer die Jungs supporten will und die Musik feiert: HIER und HIER könnt ihr Campur bestellen, oder gönnt es euch auf Spotify. Es ist von vorn bis hinten ein absolutes Brett, versprochen.

Skateboarder, Schlitzohr, Content-Fleischwolf // Born and raised im dirrrrty South, aka. Ingolstadt, Bayern // Ü30, IQ deutlich darunter // Publizistik Studium in Wien 2012-2016 // Seit 2016 lokaler Biertrinker an den Neuköllner Spätis